Gerhart Hauptmann (1862-1946) besuchte Hiddensee zum ersten Mal im Sommer des Jahres 1885 zusammen mit seinem Bruder Carl und dessen Frau Martha sowie seinem Freund Hugo Ernst Schmidt. Diesen kurzen Aufenthalt, bei dem das Gedicht "Mondscheinlerche" entstand, verbrachte er in Kloster in dem alten Gasthof von Schlieker.


Erst elf Jahre später, im Sommer 1896, besuchte er die Insel wieder und wohnte in Vitte, dem einfachen Gasthaus von Freese. In diesem kleinen einfenstrigen Zimmer diktierte er Margarete Marschalk grosse Teile seiner "Versunkenen Glocke".


"Der erste Eindruck, den man von Hiddensee empfing, war der von Weltabgeschiedenheit und Verlassenheit. Das gab ihm den grandiosen und furchtbaren Ernst unberührter Natur und dem Menschen, der in dieses Antlitz hineinblickte, jene mystische Erschütterung, die mit der Erkenntnis von den Grenzen seines Wesens und der menschlichen Kultur überhaupt verbunden ist. Ich habe ein Dichterwerk verfasst, es heisst "Gabriel Schillings' Flucht". Als ich hier Wesensteile dieser Dichtung erlebte, hatte die Insel noch diese Physiognomie: Heut hat sie eine ganz andere angenommen, zum mindesten während der Sommerzeit. Dampfer tuten, Segel- und Dampfjachten legen in Kloster und Vitte an, und die Flugzeuge brausen fast ununterbrochen über Wiesen und Dächer. Ich habe auch in der zweiten Periode der halbhundertjährigen Inselgeschichte das meiste miterlebt. Und ich darf sagen, dass ein Stück deutscher Geistesgeschichte damit verbunden ist. Unter den Gästen von Hiddensee haben sich, abgesehen von den schönen und schönsten Frauen, Dichterinnen, Dichter, Maler, Bildhauer, Musiker, Schauspieler und sonstige Künstler ohne Zahl befunden. Männer klangvollster Namen auch aus allen Gebieten der Wissenschaft. Hiddensee war das geistigste aller deutschen Seebäder."


Die Sommer der Jahre 1897 bis 1899 verbrachte Hauptmann auf Hiddensee und 1901 wohnte er mit seinen drei Söhnen Ivo, Eckart und Klaus in der Pension von Theodor Nehls in Vitte.

1917 - nach 16jähriger Pause - kehrte Hauptmann wieder nach Hiddensee zurück und kam dann fast Jahr für Jahr, zunächst in die Lietzenburg des Malers Oskar Kruse, 1921 bezog er dann die erste Etage der Hotelpension Frau von Sydows "Haus am Meer", in dem er einige Sommer verbrachte, 1924 gleichzeitig mit Thomas Mann. Da es ihn immer mehr nach Einsamkeit verlangte, mietete er schliesslich das der Gemeinde Kloster gehörende Haus "Seedorn", das er 1929 erwarb. Dort hat Hauptmann alljährlich arbeitsreiche Sommerwochen verbracht, meist in den Monaten Juli bis September. Zum letzten Mal weilte der Dichter 1943 auf seiner Insel. Dann kehrte er erst als ein toter Mann zurück, um auf dem stillen Inselfriedhof seine letzte Ruhestätte zu finden, so, wie er es sich gewünscht hatte:

"Wenn ich nicht fürchten müsste, meine guten Schlesier zu kränken, so möchte ich am liebsten auf diesem schlichten Friedhof von Hiddensee meinen ewigen Schlaf schlafen."

Quelle: "Hiddensee - ein Lesebuch" von Renate Seydel, erschienen im Ullstein Verlag

















 

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Die "Mondscheinlerche" gesprochen von Percy Hoven können Sie hier hören. Dateigrösse: 136 KB
 
 
 
 
 
Unser Literaturtip: "Gerhart Hauptmanns Hiddensee" von Rüdiger Bernhardt, erschienen 1996, 143 Seiten



 
  Wie er es sich gewünscht hatte, fand Gerhart Hauptmann seine letzte Ruhestätte auf dem stillen kleinen Inselfriedhof auf Hiddensee.
 

Mondscheinlerche
Gerhart Hauptmann

Hiddensee, den 29. Juli 1885

Von dem Lager heb' ich sacht
meine müden Glieder;
eine warme Sommernacht
draussen stärkt sie wieder.
Mondschein liegt um Meer und Land
dämmerig gebreitet;
in den weissen Dünensand
Well' auf Welle gleitet.
Unaufhörlich bläst das Meer
eherne Posaunen;
Roggenfelder, segenschwer,
leise wogend raunen
Wiesenfläche, Feld und Hain
zaubereinsam schillern;
badend hoch im Mondenschein
Mondscheinlerchen trillern.
"Lerche sprich, was singst du nur
um die Mittnachtsstunde?
Dämmer liegt auf Meer und Flur
und im Wiesengrunde."
Will ich meinen Lobgesang
halb zu Ende bringen,
muss ich tag- und nächtelang
singen, singen, singen!"