Auszug Dornenzeit:
Ein leiser Wind spielte
über die Insel. Irgendwo stieg er auf. Wer weiß schon, wo Wind geboren
wird. Er ist. Er kommt, er geht. Durch ihn lebt das Leben vieler, das der Fischer,
das der Seefahrer, das der Windmüller - auf der ganzen Welt. Heute stand
seine Urquelle wohl im Baltischen, im Osten. Er kam über die Haffs, über
die flachen Strandseen Kurlands, und trug mit würziger Wärme den Atem
des Röhrichts, den der dunklen Wälder herüber. Entlang der Pommerschen
Küste hatte er die Süße staubender Getreidefelder aufgelesen
und die brackigen Dünste, wie sie aus den Fischnetzen quollen, dazu die
Teergerüche aus den Bottichen der Fischer und einen Schwall Blütenhauchs
sommerlich mittagswarmer Wiesen. So gesättigt fuhr er westwärts, strich
über die Wälder Wollins und Usedoms, segelte über die See, über
die Insel Rügen, über Hiddensees kahle Hügel und weiter, weiter,
irgendwohin, um zu verwehen, um nicht mehr zu sein.
Mittagsstille über Hiddensee - das große Sommerglück. Da regte
sich noch nicht einmal das dürre Gras. Die Möwen träumten vor
sich hin, in langweilendem Gleichmaß schwappten auslaufende Wellen über
den Uferkies am Außenstrand oder verloren sich binnen im Schilf. Ein Stockentenpaar
umruderte lautlos seine fiependen Jungen, Wippsterts schnappten nach ihren Mücken,
Austernfischer mit roten Hackschnäbeln wateten am Wasserrand, die Heidelerche
trillerte sich in den blaßblauen Himmel, und im Schilf wachte der langbeinige
Reiher. Neben Stoffer Schlucks Katen in der Vitte döste ein Schaf, und
an den Hängen des Dombuschs lagerten die Rinder und mahlten gedankenlos
mit ihren Mäulern. Und der Duft frischen Heues füllte die Luft.