Drama in fünf Akten von Gerhart Hauptmann, entstanden 1905/06; Uraufführung:
Lauchstädt, 14. 6. 1912, im Kleinen Theater Goethes. - Das Motto, eine Sentenz
aus Plutarchs Moralia (Moralische Schriften), die Hauptmann seinem Stück
voranstellt - »Einige . . . versichern, Eunosthus sei ihnen begegnet, ans Meer
eilend, um sich zu baden, weil ein Weib sein Heiligtum betreten habe« -, weist
auf Thema und Konflikt hin. A. Kerr formuliert, absichtlich scharf: »Das Weib ist
auf Erden der Schmutz. Verwirrung und Unglück . . . Etwas in dieser Art singt aus
"Gabriel Schillings Flucht".« Der Maler Gabriel Schilling steht zwischen seiner
Gattin Eveline, einer »verhärmten, gealterten Frau . . . ohne weibliche Reize«,
und seiner Geliebten, der Russin Hanna Elias, die, »blass, intelligent, mit
unruhigen Augen«, eine starke sinnliche Faszination auf ihn ausübt. Jede der
beiden Frauen sieht Gabriel als ihren »Besitz« an, die eine mit dem verbrieften
Recht der Ehefrau, die versorgt werden will, die andere mit dem verstiegenen
und selbständigen Anspruch, dass seine Liebe zu ihr »doch der einzige Sinn
seines Lebens« sei; beide Frauen stellen, indem sie sich »wie die Blutegel«
ansaugen und Gabriels »Hände und Füsse delilahaft« binden, »seine Existenz als
Künstler und Mann überhaupt in Frage«. Um von Hanna loszukommen, aber auch
um Evelines Nähe zu entfliehen, folgt Gabriel einer Einladung seines Freundes,
des Bildhauers Mäurer, mit diesem und dessen Freundin Lucie Heil die
Sommerferien auf einer kleinen Ostseeinsel zu verbringen. Unter der befreienden
Einwirkung des nahen Meeres, das für Gabriel zum Symbol der Lebenskraft und
Ruhe wird, überkommt ihn eine lang entbehrte schöpferische Daseinsfreude.
Doch da erscheint Hanna Elias überraschend auf der Insel, und nach kurzem
Aufbegehren erliegt der willensschwache Maler erneut ihrer erotischen
Anziehungskraft. Die wieder aufflackernde Lebenskrise lässt eine latente
Krankheit zum bedrohlichen Ausbruch kommen, so dass sich Mäurer genötigt
sieht, den ihm befreundeten Arzt Dr. Rasmussen zu Gabriels Behandlung
herbeizurufen. In dessen Begleitung trifft unerwartet Schillings Frau Eveline ein,
die der nichtsahnende Arzt von der Erkrankung ihres Mannes unterrichtet hat. Als
die verbitterte Frau auf ihre Rivalin Hanna stösst, kommt es zu einer hysterischen
Auseinandersetzung, deren Zeuge der schwerkranke Maler wird. Das Erlebnis
dieses Streits verschlimmert sein Leiden so sehr, dass jede Möglichkeit einer
Genesung schwindet. In der Nacht, bei aufziehendem Sturm, irrt der halb
wahnsinnige, von Todessehnsucht getriebene Schilling am Strand umher. Im
Meer, das ihn von Anbeginn magisch angezogen hat (»Dort stammen wir her,
dort gehören wir hin«), nimmt er sich das Leben. Seine Flucht hat ihr Ziel
gefunden, »jetzt ist er für immer geborgen«. Hauptmann hat in diesem Stück
einen ähnlichen Konflikt gestaltet wie in Einsame Menschen (1890) und in
Michael Kramer (1900), einen Konflikt, der dem Dichter aus eigenem Erleben
vertraut war: ein Jahr vor der Niederschrift des Schauspiels hatte er sich durch
Trennung und eine neue Heirat aus einer schweren Ehekrise befreit. Der geringe
Erfolg des Stückes mag zum Teil auf die wenig überzeugende
Charakterzeichnung zurückzuführen sein. Der Held bleibt als Mann wie als
Künstler blass, »sein Tod findet keinen Widerspruch - noch öffnet er Wonnen einer
tragischen Erfüllung. Der Mann ist mir nicht gestorben, weil er mir nicht gelebt
hat« (A. Kerr). Hauptmann selbst argwöhnte, sein Stück sei »keine
Angelegenheit für das grosse Publikum, sondern für die reine Passivität und
Innerlichkeit eines kleinen Kreises«.

Quelle: Kindlers Literatur Lexikon